Konsolidierung der Rüstungsindustrie

a) Frühe Kooperationen

Während des Kalten Krieges konnte in den einzelnen europäischen Staaten eine Vielzahl an Rüstungszweigen und Unternehmen wachsen, die in verschiedenen Hinsichten weniger dem Markt ausgesetzt waren als andere Wirtschaftszweige. Im Zuge der Entwicklungen der letzten 15 Jahre gerieten die nationalen Anbieter mehr und mehr unter Druck. Der teilweise Wegfall der nationalen Regierungen als sichere Kunden auch aus Gründen der Haushaltskonsolidierung und die Fusionen innerhalb der amerikanischen Rüstungsgüterindustrie verstärkten den Konkurrenzdruck auf die zersplitterten europäischen Unternehmen. (De Vestel 1996: 137)

So nahmen die Kooperationen auf dem waffenproduzierenden Sektor in Europa ab Mitte der achtziger Jahre, den Anfängen von Globalisierung und dem Ende des Kalten Krieges, eindeutig zu. Seit 1986 lässt sich eine Vervielfachung der Übernahmen und Fusionen feststellen, zuerst national, dann auch grenzüberschreitend. (Schmitt 2000: 11) Auch Joint-Ventures zwischen einzelnen Unternehmen werden seit Ende der achtziger und noch verstärkt seit Anfang der neunziger Jahre gegründet. (De Vestel 1996: 138, Tabelle).

Einschränkend muss bemerkt werden, dass die sinkenden Budgets nicht den erwarteten Effekt auf die Unternehmenslandschaft ausgeübt haben (ebd.: 139f.) Unter anderen Gesichtspunkten ist eine Rationalisierung der industriellen Landschaft jedoch sehr wohl von Nutzen. Die neuartigen Formen der Kriegsführung, die zeitgleich mit dem Ende des Kalten Krieges offenkundig wurden (im Golfkrieg 1990), verlangen hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung, die von vergleichsweise kleinen Unternehmen schwer aufzubringen sind. So steigen die Kosten für hochentwickelte Systeme wie etwa Kampfflugzeuge mit jeder Generation seit den fünfziger Jahren

–inflationsbereinigt- an. Es wird angenommen, dass die jetzige Generation von Kampfflugzeugen in Europa die letzte sein wird, innerhalb derer drei verschiedene Programme (Rafale, Eurofighter und Gripen) bestehen werden. Dies hat auf die Unternehmen gravierende Auswirkungen. Entweder ein Programm wird von mehreren Unternehmen gemeinsam realisiert, oder die Chance steigt, dass Unternehmen bei einer Systemgeneration nicht mehr zum Zuge kommen und den Rüstungszweig ganz aufgeben müssen. (Schmitt 2000: 7)

b) Gründe für zunehmenden Konsolidierungsdruck

Gleichzeitig stellen die amerikanischen Rüstungskonzerne, die seit Anfang der neunziger Jahre mit Hilfe der US-Regierung entstanden sind eine auf vielen Gebieten übermächtige Konkurrenz dar. (ebd.: 23, 26) Nach der Fusion von McDonnell Douglas und Boeing im Jahr 1997 werden in Europa die Rufe nach einer echten rüstungsindustriellen Integration vor allem im Bereich der Luftfahrtindustrie laut (ebd.: 25)

Auf dem Gebiet der Rüstungsindustrie nehmen die Güter für Luftfahrt und für elektronische Systeme mittlerweile eine herausragende Stellung ein. Sie beinhalten neueste Hochtechnologie und vereinen auf sich eine Vielzahl der Rüstungsgüter, die für die neue vernetzte Kriegsführung der Zukunft benötigt werden. Durch die hohen Anteile an neu entwickelten Komponenten sind die Forschungs- und Entwicklungsausgaben auch gegenüber anderen Rüstungszweigen besonders hoch. So werden die Entwicklungskosten im Bereich der militärischen Luftfahrt mit etwa 25–30% angegeben. (Schmitt 2000: 27) In einem Industriezweig, in dem neue Projekte und Produkte forschungsintensiv verwirklicht werden müssen, ist zu erwarten, dass auch die relevanten Unternehmen eine kritische Größe besitzen müssen. So ist Unternehmensgröße zum Beispiel ein Anzeichen dafür, dass eine Firma auf verschiedenen Feldern im Rüstungsgeschäft tätig sein kann und so eine gewisse Unabhängigkeit von Marktzyklen und Programmen entwickeln kann. Auch Entwicklungskosten fallen mit steigenden Stückzahlen, die für umsatzstarke Unternehmen leichter zu erreichen sind (Schmitt 2000: 15)

c) Engere Kooperationsstrukturen

Mit Beginn der neunziger Jahre entwickelte sich die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Luftfahrtfirmen hin zu festeren Kooperationsstrukturen. Nun wurden verstärkt gemeinsame Joint-Ventures von zwei und mehr Unternehmen gegründet. Diese waren nicht mehr nur für zeitlich abgegrenzte Projekte, sondern für bestimmte Bereiche von Gütern auf Dauer verantwortlich (Schmitt 2000: 17). Eines der ersten gegründeten Gemeinschaftsunternehmen stellt im Jahr 1991 Eurocopter dar, das von der damaligen Deutschen Aerospace AG und der französischen Aérospatiale gegründet wurde (ebd.: 17). Die Regierungen der großen waffenproduzierenden Staaten in Europa stimmten jedoch mit den Unternehmen im Grundsatz überein, dass es zu einer echten Konsolidierung in der Branche kommen musste (ebd.: 28). Der drohende Bedeutungsverlust für die europäische militärische Luftfahrt und der Wunsch nach Bedeutungserhalt erwiesen sich als stärker als nationale Verlangen nach Eigenständigkeit. Dies umso mehr als die politisch gewollte ESVP mit militärischen Komponenten nach verbreiteter Meinung eine industrielle und technologische Grundlage benötigt, um in der Zukunft eine gewisse Autonomie zu bewahren. (Schmitt 2000: 29)

d) Der Weg zu EADS

Im Dezember 1997 unterzeichneten die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und Deutschland ein Abkommen, in dem sie ihre führenden nationalen Luftfahrtunternehmen aufforderten, bis zum 31. März 1998 einen Plan für eine grenzüberschreitende Integration vorzulegen. Auch die Unternehmen waren durch die Fusion zwischen den amerikanischen Konzernen McDonnell Douglas und Boeing von der Notwendigkeit eines transnationalen Zusammenschlusses überzeugt (ebd.: 29). Fristgerecht legten sie ein Papier vor, in dem die Grundsätze für die Gründung der European Aerospace and Defence Company (EADC) festgehalten waren. (ebd.)

Sowohl die Regierungen von Italien und Schweden als auch zwei Unternehmen aus diesen Ländern wurden an dem daran anschließenden Beratungsprozess beteiligt, darüber hinaus die spanische Regierung als Eigentümerin der CASA-Airbus-Anteile. Im zweiten Report, der im November 1998 folgt, stimmten die beteiligten Firmen[1] in wichtigen Punkten überein. So sollte die letztendlich entstehende Organisation eine einzige, eigenständige Firma sein. Des Weiteren sollten die Ziele der Firma bestimmt sein von Kriterien des Shareholder Value. Keine beteiligte Partei war danach berechtigt, alleinige Kontrolle über die Firma auszuüben und es sollte ein Schutz vor Übernahmen aufgebaut werden. (ebd.)

Die Gespräche der sechs Unternehmen scheiterten in diesem Stadium jedoch letztendlich an der Uneinigkeit über die zukünftige Struktur der Anteilseigner.

Die spanische Regierung blieb jedoch im Zuge ihrer Privatisierungspolitik dabei, die spanische CASA mit einem europäischen Unternehmen zu verschmelzen. Die deutsche Dasa erhielt den Zuschlag. Noch bevor die Fusion vollzogen werden konnte, verhandelten die Deutschen mit den Franzosen über den Zusammenschluss von Dasa und der zwischenzeitlich fusionierten Aérospatiale-Matra. Diese Verhandlungen führten zum Erfolg und im Oktober 1999 konnte die Gründung von EADS (European Aeronautic, Defence and Space Company) durch deutsche und französische Unternehmen verkündet werden. Die außen vor bleibende CASA wurde im Dezember 1999 in die EADS integriert. (Schmitt 2000: 37ff.)

Die gewonnenen Erkenntnisse über Kooperationen auf dem Rüstungs- und Industriesektor sollen nun anhand der Integrationstheorien des Neofunktionalismus und des Intergouvernementalismus betrachtet werden.


[1] Dies sind Aérospatiale, BAe, CASA, Dasa, Saab und Finmeccanica

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