Theoretische Integrationsansätze

a) Der neofunktionalistische Ansatz

Die Theorie des Neofunktionalismus verfolgt einen empirisch-analytischen Blickwinkel. Basierend zum Teil auf Elementen des Funktionalismus, lehnt er dessen enge Sichtweise in Hinsicht auf Kooperation auf nur technischen Feldern, die anderweitige Kooperation nach sich ziehen, ab. Seine Grundannahmen sind vielmehr politische Handlungszwänge für die mit Macht ausgestatteten politischen Entscheider. Diese Zwänge ergeben sich aus einer steigenden transnationalen gesellschaftlichen Vernetzung (Bieling 2005: 67) Des weiteren sieht der Neofunktionalistische Ansatz eine Konkurrenz von Gruppen, Interessen, Werten innerhalb einer Gesellschaft am Werk, die auf politische Umsetzung ihrer Agenda hinwirken (ebd.) Dadurch werden für Haas politische Prozesse und Entscheidungen oftmals verwässert und schwierig umzusetzen. Der „große, strategische Wurf“ (Bieling 2005: 67), der ursprünglich auf der Agenda der Entscheider stand, lässt sich aufgrund der Vielzahl an Interessen und Interessensgruppen nicht halten. Daraus resultiert gleichzeitig, dass für Haas’ Neofunktionalismus die Außenpolitik eines Staates nicht in realistischer Sicht als nach außen hin geschlossene Vertretung aller Interessen eines Staates gilt. Hier wird vielmehr ein wichtiges Augenmerk auf transnationale Verbindungen staatlicher und gesellschaftlicher Akteure gelegt. Diese bilden unterschiedliche Kooperationen inter- und supranationaler Art, um ökonomische und politische Probleme zu lösen (ebd. 68).

Der Neofunktionalismus interessiert sich für gründe von Integrationsprozessen. Entsprechend definiert auch Lindberg politische Integration als „the process whereby nations forgo the desire and ability to conduct foreign and key domestic policies independently of each other, seeking instead to make joint decisions or to delegate the decision-making process to new central organs (Lindberg 1963: 6) Durch diese sich herausbildenden Kooperationen kommt es in der Folge auch in daran angrenzenden Feldern zu Kooperationsbedürfnissen. So kann sich laut dem Ansatz des Neofunktionalismus eine vormals unpolitische, transnationale Kooperation durch sogenannten „spill-over“ ausdehnen. Um die ursprünglichen Ziele zu erreichen, müssen immer weitere angrenzende Bereiche zur Bearbeitung oder Verwaltung an gemeinsame, supranationale Institutionen übertragen werden (Bieling 2005: 72). Durch eine solche Entwicklung können sich auch vormals streng national bearbeitete Sachgebiete zu vergemeinschafteten Bereichen entwickeln.

b) Der intergouvernementalistische Ansatz

Als dem Neofunktionalismus entgegengesetztes Paradigma (Bieling 2005: 93) legt der Intergouvernementalismus seinen Schwerpunkt auf die nationalstaatlichen Akteure und Regierungen. Diese bilden in Hoffmanns Ansatz die „zentralen Basiseinheiten der europäischen Integration“ (ebd. 91). Im Fokus seiner Aufmerksamkeit steht die Frage nach der „Wahrscheinlichkeit der Bildung gemeinsamer Institutionen“ (Wolf 1999: 60). Die Sichtweise des Intergouvernementalismus nimmt dabei an, dass Kooperation zwischen den Nationalstaaten zustande kommt, wenn ihre Absichten und Interessen sich zumindest tendenziell ähnlich sind (ebd. 62). Im Gegensatz zu Haas’ neofunktionalistischen Annahmen eines „spill-over“ begreift Hoffmann das Projekt der europäischen Einigung und Integration als eine von den europäischen Nationalstaaten bewusst ausgehandelte Unternehmung. Um die Gründe für diese Kooperation zu erfassen, andererseits eine einseitig realistische Perspektive zu umgehen, schlägt Hoffmann eine historisch-soziologische Herangehensweise vor (Bieling 2005: 95). Er unterscheidet vier Ebenen der Analyse. Seine erste Analyseebene wird durch die Weltstruktur der jeweiligen Zeitepoche gebildet, also die Beziehungen zwischen den wichtigen Einheiten und Akteuren. Die zweite Ebene bilden Einflüsse auf die obige Struktur, wie technologische oder militärische Fortschritte. Die dritte Analyseebene wird durch Verfahrensweisen innerhalb des Nationalstaats gebildet, also etwa die Verfahrensweisen des jeweiligen politischen Systems. Zu guter Letzt werden auf der vierten Ebene interne und externe Faktoren betrachtet, die auf den Nationalstaat wirken. (Bieling 2005: 97) Hoffmann erarbeitet mit diesen Vorgaben keine exakte Theorie, vielmehr ein Arbeitsinstrument, um Phänomene der internationalen Beziehungen besser nachvollziehen zu können. (ebd.)

Das Projekt der europäischen Integration wird für Hoffmann unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs möglich, der bei den Staaten Westeuropas den Willen zur Integration erzeugt hat, um eingebüßte Bedeutung erhalten zu können. Dies wird gleichzeitig möglich durch Weitsicht und Kooperationswille der führenden politischen Entscheidungsträger. Der Wille zur Kooperation unter gewissen historischen Bedingungen ist also unter intergouvernementalistischer Sicht entscheidend für eine Übertragung von Hoheitsrechten an supranationale Institutionen oder gemeinsame Einrichtungen. (Bieling 2005: 98ff.) Die allem zugrunde liegende Ursache ist in Hoffmanns Ansatz dabei das nationale Interesse. Dieses ist bedingt durch die internationale wie innenpolitische Lage, die auf die Entscheidungsträger einwirkt, diesen jedoch einen erheblichen Entscheidungsspielraum lässt. Der Staat als Mittler zwischen Binnengesellschaft und internationalem System kann durch sein juristisches Machtmonopol Entscheidungen festsetzen und im Vorfeld dieser auch bewusst Interessen leiten oder gegeneinander ausspielen. (ebd. 100f.)

Die europäische Integration stellt im Sinne des Intergouvernementalismus also ein Zusammenlegen nationalstaatlicher Entscheidungsgewalten dar, das die Mitgliedsstaaten unter Umständen sogar in ihrer Position stärkt, anstatt sie über die Souveränitätsabgabe zu schwächen. (Bieling 2005: 102)

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